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Das ist die wunderbarste Geschichte dieser Diagonale

Gestern habe ich eine gute Nachricht überbracht, eine sehr gute Nachricht: Als ich die Liste der Drehbuch-Preisträger sah, stach ein Name besonders heraus: Mo Harawe. Der muss es sein! Ich habe Mo vor fünf Jahren kennengelernt, als ich einen Artikel über das Patensystem „Connecting People“ des Grazer Vereins Zebra schrieb. Dort helfen Menschen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen beim Ankommen in Österreich, bei Behördengängen, bei der Eingewöhnung, beim Zeittotschlagen, beim Erwachsenwerden und Einfügen in diese Gesellschaft.

Ich traf Mo, wir verwendeten in der Zeitung damals einen anderen Namen, mit seinem Paten Otto Simon im Grazer Augarten. Sie erzählten, sie lachten, sie hatten längst Pläne für ihre Zukunft geschmiedet. Der damals 19-Jährige war vor dem Krieg in Somalia geflüchtet, er strandete zunächst in Traiskirchen, später in Graz. Die unbändige Hoffnung auf ein selbstbestimmtes, selbstgestaltetes Leben in diesem Land, das, erzählten seine Augen bei unserem Treffen, wollte er, dazu Schulausbildung, vielleicht ein BWL-Studium, Freunde finden, auch österreichische. Als er ankam, kannte er niemanden. Er war ein Fremder in einem fremden Land. Auf eine gemeinsame Leidenschaft konnte er sich mit seinem Paten –  bei einem Altersunterschied von fast 30 Jahren – schnell einigen: auf Filme und Kinobesuche.

Immer wieder traf ich die beiden im Kino oder auf der Diagonale, aus der Ferne beobachtete ich, wie sie Filme zerpflückten, diskutierten. Sie wirkten immer so unheimlich vertraut miteinander. Jedes Mal aufs Neue ein berührender Anblick.

Und nun, fünf Jahre später sieht alles anders aus. Mo Harawe hat den Dor Film Preis für Drehbuchentwicklung zugesprochen bekommen – für das Projekt „Mogadischu“. Begründung: Der Autor und Kurzfilmregisseur verhandle darin „das aktuell allgegenwärtige Flüchtlingsthema aus einer ungewöhnlichen Perspektive“, so der Produzent Milan Dor bei der Preisverleihung in Graz. Denn: Die Titelfigur flüchte in die umgekehrte Richtung, sie will zurück nach Somalia.

Und Mo? Er befindet sich gerade auf Familienurlaub in Äthiopien (da er nun wieder offiziell reisen darf) und weiß vermutlich noch gar nicht, dass er, der einst unbegleitete minderjährige Flüchtling, gestrandet in Graz nun um eine Auszeichnung von ebenda reicher ist. Gratulation!

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Als Otto Simon (von mir) davon erfuhr, freute er sich auf jeden Fall sehr.

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Es ist übrigens nicht sein erster Film. Vergangenes Jahre feierte sein 48-minütiger Film „Ausweis“ Premiere. Es ist ein Film über die Identitätssuche dreier Protagonisten: ein sechsjähriges Mädchen mit afrikanischer Mutter und österreichischem Vater, ein Schauspieler, der sich hinter seinen Rollen versteckt und eine in Namibia geborene Frau, die ihren Vater in Österreich sucht. Ein Film, der vom Kennenlernen erzählt. Und damit kennen sich Mo Harawe und Otto Simon aus.