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Hannelore Elsner: „Diese Zeit stößt mich ab!“

Es ist eine Diagonale, die nicht mit großen Stars geizt: Mittwochabend nach der Uraufführung von Andreas Grubers („Hasenjagd“) Spielfilm „Hannas schlafende Hunde“ standen plötzlich nebeneinander auf der Bühne: Hannelore Elsner (eine der wenigen großen Diven), Franziska Weisz (eine der derzeit gefragtesten Schauspielerinnen), Nike Seitz (eines der größten jungen Talente), Lokalmatator Johannes Silberschneider, dazu Rainer Egger, Michaela Rosen oder Lena Reichmuth mitsamt Filmcrew auf der Bühne.

Spätabends, nach einem langen ersten Diagonale-Tag, dürften dabei einige Zuschauer im Saal zweimal genau geschaut haben, wer noch nach vorne gerufen wurde: Christian Wolff. Nie gehört? Vielleicht nicht den Namen, aber das Gesicht kennt der gelernte österreichische TV-Konsument als Förstner Marton Rombach in der heimeligen TV-Familienserie  „Forsthaus Falkenau.“

Unverschämte Bruchlosigkeit

Worum geht’s im Film „Hannas schlafende Hunde“, der thematisch an Grubers entlarvenden Film „Hasenjagd“ aus dem Jahr 1994  über eine tatsächlich passierte wochenlange Jagd auf 500 russische aus dem KZ Mauthausen Kriegsgefangene durch die SS und NS-Gefolgsleute im Mühlviertel anknüpft? Gruber seziert die Verlogenheit im Umgang mit der Geschichte in den 1950/60ern in Wels, dort, wo er selbst aufgewachsen ist.  Schon damals nach dem Kinoerfolg von „Hasenjagd“ hätte es den Wunsch gegeben, zu erzählen, mit welcher „unverschämten Bruchlosigkeit das weiter gegangen ist“, sagte Gruber vor dem Premierenpublikum.

 

Und Hannelore Elsner sagte nach der Premiere: „Diese Zeit stößt mich ab ihre Verlogenheit, ihre Bigotterie, ihre Sprachlosigkeit. “ In einem Interview davor erzählte sie, dass sie dieses Verstecken aus ihrer Familie nicht kenne. Aber als Mädchen sei sie selbst auf eine Klosterschule gegangen – aber „ich war ja immer unheimlich wild.“

„Wenn man so aufwächst, wird man Klosterfrau oder Anarchistin“, sagte Hannelore Elsner.

Im Film verkörpert sie eine alte, grauhaarige, kranke Frau. Mit der Realität hat das nichts zu tun. „Es war schwierig, so alt zu spielen“, sagte die 73-Jährige in Graz. „Aber es ist nicht schlecht, zu sehen, wie man vielleicht in 100 Jahren aussieht.“

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Der Krieg tobt in den Köpfen weiter

Der Film erzählt vom Krieg, der offiziell beendet ist, aber in den Köpfen der Menschen  weitertobt. Im Mittelpunkt stehen drei Generationen Frauen einer Familie: die jüdische, verwitwete Großmutter (Hannelore Elsner), erblindet von einem Bombensplitter und ihre Tochter (Franziska Weisz), die ihren Kindern zwanghaft einbläut, still zu halten, sich anzupassen, fromm zu sein. In dieses verdrängende, mit der Aufarbeitung der Naziideologie zaudernde und bigotte Klima wird die kleine Hanna (hinreißend vielschichtig: Nike Seitz) Ende der 1960er hineingeboren, die erst langsam von ihrer jüdischen Identität erfährt und erlebt, was das auch nach Kriegsende noch heißt. Die erfährt, dass die Religionslehrerin sie mobbt, sie wird vom Hausmeister, einem polternden, saufenden Altnazi bedrängt und versteht nicht, warum sie und ihr Bruder nicht bei einem Kinderlieder-Wettbewerb der katholischen Jungschar mitmachen dürfen. Aus der Kinderperspektive heraus lüftet Gruber langsam die Schatten über der Familie und erklärt zum Beispiel, warum die Mutter ihre Tochter vor dem Direktor (verstörend: Wolff) schützen will: weil er ihr als junger Frau einen Job gibt und sie nach Kriegsende sexuell damit erpresst und das noch Jahre später als eine Art Hilfsleistung betrachtet.

Gewünscht: viel Publikum

Szenenbild und Kostüme, liebevoll und detailgenau arrangiert, versetzt der Film all jene, die damals schon auf der Welt waren, blitzartig zurück in die Zeit der ersten Fernseher, der alten Heizstrahler und des engherzig scheinheiligen Glaubenseifers; aber auch in eine Zeit, als Kinder im Verständnis der Erwachsenen nicht eigenständig zu sein und zu denken hatten und Frauen gesetzlich noch nicht vor den Schlägen ihrer Männer geschützt waren.

„Hannas schlafende Hunde“ hastet nicht, er gibt der Geschichte auf beinahe schon altmodische, konventionelle Art und Weise Zeit. Es ist ein Film, der keinen Arthouse-Anspruch für sich erhebt, aber dem man wegen des mutigen Themas und des am Ende hart erkämpften Aufbruchs der chronischen Nachkriegsverdrängung – im intimen Rahmen der Familie sowie im größeren der Gemeinde –   ähnlich wie „Hasenjagd“ viel Publikum (Kinostart ist am 1. April) wünscht. Und: So viel exzellente super Schauspieler, geballt in einem Film, sieht man nicht oft.

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  1. By Hannas schlafende Hunde – der Film | Elisabeth Escher 17. März 2016 at 14:50